Neil Young veröffentlicht endlich Homegrown

Neil Young veröffentlicht endlich Homegrown

45 Jahre hat es gedauert, nun war es endlich so weit. Neil Young öffnete erneut seine musikalischen Archive und veröffentlichte das lange verschollene Album „Homegrown“. Das Bindeglied zwischen seinen Werken „Harvest“ und „Comes A Time“ war ihm lange Zeit zu persönlich, um es mit seinem Publikum zu teilen. Schließlich standen die Texte ganz im Zeichen seiner Beziehungsprobleme im Jahr 1974. Young versucht die Trennung von der Schauspielerin Carrie Snodgress zu verarbeiten, dementsprechend ist die Stimmung auf dem Midtempo-Album, das eigentlich schon 1975 auf den Markt hätte kommen sollen. Doch besser spät als gar nicht, denkt sich der fanatische Neil Young Fan und freut sich, dass der Meister eine weitere fertige Platte aus seinem Archiv gezaubert hat.

Derer gibt es bekanntlich viele. Young könnte mit seinen verschollenen Werken eine ganze Discografie füllen, um die ihn zahlreiche andere Musiker beneiden würden. Der Mittsiebziger nimmt immer noch wie besessen Musik auf, auch wenn er sie nicht immer gleich publikumswürdig erachtet. Selbst der offizielle Vertreter von „Homegrown“, der Longplayer „Tonight´s The Night“ war bereits zwei Jahre auf Halde gelegen, bevor er 1975 „Homegrown“ ersetzte und in die Plattenläden ausgeliefert wurde.

Keine Lust auf Erfolg

Young, der zu Recht als Godfather des Grunge gilt, hatte bereits in den 1970er Jahren den Rock mehrfach neu definiert. Als er jedoch auf „Harvest“ einfühlsame akustische Balladen zum Besten gab, überrannte ihn der kommerzielle Erfolg. Kein Wunder also, dass die Plattenfirma mehr davon haben wollte. Doch der schon damals unbeugsame Mann hatte dazu keine Lust und sollte die Geduld seiner Plattenfirma in Zukunft noch oft auf die Folter spannen. Er verweigerte einfach die Gefälligkeit und Perfektion, diesen Ruf konnte er sich bis heute erhalten. „Homegrown“ war 1975 die falsche Platte zur falschen Zeit und verschwand daher einfach in den Archiven. An Nachschub hat es dem Kanadier nie gemangelt, er legte bis heute eine unglaubliche Arbeitswut an den Tag.

Young sagte einmal, dass ihn der Erfolg von „Harvest“ auf die Mitte der Straße befördert habe. Dort habe er sich aber fürchterlich gelangweilt, er machte sich daher wieder in Richtung des Straßengrabens auf. Das ist nachvollziehbar und beschreibt ziemlich genau den lebenslangen Kampf zwischen Kunz und Kommerz, den Young immer wieder ausfocht. „Homegrown“ ist in der Mehrzahl akustisch gehalten und demonstriert die große Songwriter-Kunst des Neil Young, wenn er es denn genauso möchte.

Keine Lust auf Erfolg
Keine Lust auf Erfolg

Jahrzehnte zu spät

Auf „Star Of Bethlehem“ ist Emmylou Harris zu Gast, wie bereits zuvor auf dem Album „American Stars ‘n Bars“. Wie von Young gewohnt, finden sich auch hier zahlreiche bekannte Songs, die er auf späteren Platten in abgeänderten Versionen verwendet hat. Dazu zählt auch das schöne „White Line“ vom legendären Album „Ragged Glory“. Damit sind wir auch schon beim Dilemma von „Homegrown“. In den 1970er Jahren hätte die Platte den Ruhm von Neil Young zweifellos vermehrt, heute ist es ein Stück Nostalgie, das Young-Anhänger jubeln lässt. Die breite Masse an Musikfreunden wird es als wehmütigen Blick in die Vergangenheit wahrnehmen. Das wird Fans jedoch nicht davon abhalten, ihre Sammlung zu vervollständigen. Viele weitere Schätze schlummern noch in den Archiven des Neil Young und werden wohl nun Zug um Zug ans Tageslicht kommen.