Alleine auf weiter Flur – Nick Cave im Alexandra Palace

ALLEINE AUF WEITER FLUR – NICK CAVE IM ALEXANDRA PALACE

Der australische Sänger, Komponist und Drehbuchautor Nick Cave hat sich in den letzten Jahren zu einem der wichtigsten musikalischen Botschafter seiner Heimat entwickelt. Die Ikone des Undergrounds hat zu einem Fixpunkt der Popszene hochgearbeitet und das ohne großes eigenes Zutun. Seine persönliche Tragödie machte den Sänger vor vier Jahren endgültig zu einem weltweit bewunderten Künstler. Nach den Ereignissen der letzten Monate war Nick Cave gezwungen seine für dieses Jahr geplante Welttournee abzusagen. In seine Blog „Red Right Hand“ verkündete er noch im März die nächsten Wochen und Monate für eine Rückbesinnung auf das Wesentliche zu nutzen, doch es sollte anders kommen.

Cave hat sich bereits vor Jahren zu einem Arbeitstier gewandelt. Anfang schien es für die Öffentlichkeit unvorstellbar, dass der „Fürst der Finsternis“ wie ein Beamter täglich zur Arbeit gehen würde, um an seinen Songs, Soundtracks und Büchern zu feilen. Doch genau das war das Geheimnis seiner ungeheuren Produktivität in den letzten Jahren. Mittelpunkt seines künstlerischen Wirkens ist sein Arbeitszimmer, das er täglich ab 8.00 Uhr morgens betritt. Anders ist sein Output auch nicht mehr erklärbar. Daher verwunderte es auch diesmal nicht, dass sich Cave nicht an seine selbst auferlegte Zurückhaltung gehalten hat.

Zunächst startete er seinen eigenen YouTube-Kanal, der bereits seit Monaten rund um die Uhr sendet. Sei es Videos, Filme oder Fan-Aufnahmen, Bad Seed TeeVee strahlt rund um die Uhr alles Wissenswerte aus der Welt des Nick Cave aus. Sein aktuelles Projekt jedoch setzte wieder einmal Maßstäbe. Beraubt um die Möglichkeit mit seinen Fans in Live-Shows zu interagieren, entschloss sich der Australier einfach zu einem weiteren Film. Damit hatte er in den letzten Jahren bereits mehrfach überrascht. War es zunächst eine Dokumentation über seinen 20.000en Tag auf Erden, folgte wenig später ein Film über die Aufnahmen zum vorletzten Album „Skeleton Tree“. Zuletzt brachte Cave den Mitschnitt eines Live-Konzertes aus Kopenhagen für nur einen Tag in die Kinos. Nun also entschloss sich der mittlerweile 63-jährige Star mit einer Show in den Wohnzimmern seiner Fans zu gastieren.

Puristisch, präzise und rein

Puristisch, präzise und rein
Puristisch, präzise und rein

Dazu mietete er die berühmte Konzerthalle Alexandra Palace in London an. Gemeinsam mit dem aufstrebenden irischen Kameramann Robbie Ryan und einer Crew nahm er für einen Tag die riesige Location in Beschlag und dreht dort den Konzertfilm „Idiot Prayer“. Benannt nach einem Song aus dem Album „The Boatmans Call“ entstand so ein außergewöhnlicher Film, der am 23. Juli 2020 weltweit als kostenpflichtiger Stream ausgestrahlt wurde. Für einen Preis von rund 18 Euro konnten Fans bei diesem einmaligen Ereignis mit dabei sein. Einmalig deshalb, weil der Film zu drei vorgegebenen Zeiten in drei Zeitzonen ausgestrahlt wurde, ein Vor- oder Zurückspulen war nicht möglich. Damit demonstrierte Cave den Live-Charakter des Events. Im Mittelpunkt standen selten gespielte Songs, wie eben „Idiot Prayer“, den er nie zuvor live auf einer Bühne interpretiert hatte. Neben zahlreichen Klassikern überzeugten vor allem die beiden Nummern seiner Zweit-Band Grinderman, die ekstatischen Versionen von „Higgs Boson Blues“ und „Papa Won´t Leave You, Henry“, sowie der bisher unveröffentlichte Song „Euthanasia“. Die Reaktionen auf das ungewöhnliche Experiment waren überwältigend. Cave spielte seine Werke solo auf einen Klavier, ganz alleine im Alexandra Palace. Das präzise eingesetzte Licht sorgte für die Dramatik dieses puristischen Konzerts, das auf Nuancen, statt auf Getöse setzte.